Vergangenheit, der Weg (Gang) für die Zukunft...

(05/05 - von SYNAN)


Lasst mich eine wahre Begebenheit erzählen.

Vor längerer Zeit kam eine junge Frau (ich nenne sie hier Ri.) zu mir, die in ihrer
Kindheit (falls man das überhaupt so nennen kann) das Schlimmste erlebt hatte, was
einer Seele in diesem Menschenalter geschehen kann. Dies rief schwere Zerrüttungen
hervor, die auch durch fachlich therapeutische Behandlung kaum zu mildern waren.
 
Nun, - dieses Wesen kam zu mir und erzählte mir alles, was auf so tragische Weise
geschehen war. Als die junge Frau mit den Schilderungen zu Ende war, sagte ich zu ihr:
„Ja, - und?“. Sie dachte wohl ich hätte sie nicht richtig verstanden und erzählte mir
nochmals den ganzen Hergang. Oh ja, - sie wusste sehr genau wer ihr das alles angetan
hatte und wer die Schuldigen waren. Auch danach antwortete ich: „Ja, - und?“. Ri. war
irritiert, doch sie hatte Geduld mit mir und brachte ein drittes Mal all den verständlichen
Kummer und die Beschwernis hervor. Meine Reaktion blieb die Gleiche. Ri. wurde darauf
hin wütend, zornig und schrie mich an, dass sie wohl im „falschen Film“ wäre usw...
Damit waren wir nun an einem Punkt, auf einem Level, auf dem ich aufbauen konnte.
 
Ich stellte der jungen Frau die Frage: „ Wenn die Personen,
welche dir das angetan haben, in diesem Augenblick den Raum betreten
würden und sie wären einsichtig und würden dich hier auf Knien um Verzeihung
bitten für die abscheulichen Taten, was würde das verändern für deine Zukunft?“.
Ri. verstand sehr schnell auf was ich hinaus wollte... Es wäre wohl eine Genugtuung
für die Vergangenheit gewesen, - doch alle weiteren Schuldzuweisungen
hätten nichts für die Gegenwart bzw. Zukunft erbracht.

Das heißt nicht, dass über Vergangenes ein Mantel des Schweigens
gedeckt werden soll. Es bedeutet, dass der Mensch nicht daran kleben bleiben
soll! Nach einer Übergangszeit „arbeiteten“ wir nur noch an der Gegenwart, mit
dem Blick nach vorn, in eine freie und zuversichtliche Zeit und für Ri. tat sich
ein neues Leben auf. Die junge Frau hatte wieder Mut gefasst und
sich selbst, mit all ihrer Würde im Blickfeld.

Damit endet meine Geschichte und es ist gut, dass die Dramatik dieser
geschilderten Situation nicht zu häufig ist. (Wenngleich jeder Fall ein Fall zuviel ist.)
Doch Bänder von „Vergangenheitsverhaftungen“ ziehen sich durch unser aller Leben!
So viele Menschen existieren in vergangenen Verletzungen und vergangenem Kummer.
Dieses ständige „Graben“ löst weder etwas ab, - noch löst es etwas auf!

Hier sei gar nicht das Thema „Verzeihung“ angesprochen, welches eine ganz
spezielle Dynamik in sich birgt, sondern es geht darum, Vergangenheit als das zu
erkennen was es ist, - nämlich vergangen! Etwas, das ge-gangen ist und das wir gehen
lassen dürfen, um für neue Potentiale „Räume“ zu erschaffen, welche uns dienlicher sind
als alte durchrostete Konstrukte. Wenn ein Schock abgeklungen ist, die Akutverletzung
versorgt ist und die Wunden vernarbt sind, dann gibt es keine Berechtigung mehr, an
vergangenen Situationen festzuhalten! Warum sollen wir diesen Situationen, aus
denen wir auch Lehren gezogen haben, noch mehr Nahrung geben und uns
selbst und unsere Seele damit unter Druck setzen.

Wir sollten es wirklich nehmen wie „Kinder“. Wenn ein Kind seinen Schuhen
entwachsen ist, wenn die Kleider zu eng und zu klein geworden sind, wenn die
Bauklötze komplizierteren Konstruktionen Platz machen können und beim Radfahren
keine Stützräder mehr gebraucht werden, - dann lässt ein Kind alles gerne und ohne
Bedauern hinter sich und ist stolz darauf in eine neue Phase gehen zu können...

Warum ist das im Erwachsenenleben so schwierig? Warum kleben wir oftmals so
sehr an der Vergangenheit? Zugegeben, - die Problematik ist eine andere. Und doch
scheinen sich die Menschen festzuhalten, scheint „Es“ fest zu halten, weil trotz allem
Ärger da noch eine Spur von Sicherheit verspürt wird. Wo ist die Neugierde geblieben?
Das Vertrauen in die Zukunft? Der Glaube an die Existenz der eigenen Möglichkeiten?
Nun, - für jeden wird es da wohl eine andere, eine individuelle Antwort geben.

Doch eines dürfte klar sein: Es ist notwendig, wieder mehr Vertrauen
in die persönliche Kraft zu bekommen. Dies könnte einen großen Teil der alten
Muster ablösen. Es ist auch wichtig zu verstehen, dass uns niemand diese Kraft, dieses
Vertrauen bringen kann, sondern wir müssen es uns selbst „besorgen“. Keiner kann das
zurückbringen, was in der Vergangenheit verloren wurde, - aus welchem Grund auch
immer. Da sind Menschen, die den Weg zeigen können, Anregungen geben können,
wie es geschickt gemacht werden kann. Doch tun muss es jeder für sich selbst!

Kein Mensch hat es mehr nötig, durch Schuldzuweisungen an andere,
die eigene Identität aufzugeben. Wenn ich Vertrauen zu mir selbst habe, dann kann
ich mich unabhängig machen von dem, was andere über mich denken und weswegen
„die“ etwas getan haben. Das schafft innere Luft und Freiheit! Der Glaube an die Existenz
meiner persönlichen Möglichkeiten, kann auch die Meinung der Umwelt über uns auflösen.
(Nur ein Wurm der sich krümmt, ist interessant.) Das, was andere über uns denken und
evtl. in die Schuhe schieben wollen, stellt einen Standpunkt dar, welcher eingefärbt ist
durch die Wahrnehmung der anderen Person. So machen wir uns (leider) oftmals
Dinge zu eigen, die meilenweit von unserem Innersten entfernt sind.
Es ließe sich auch noch drastischer bzw. provokativ ausdrücken...

Solange ein Mensch mit der Idee spielt, dass er/sie durch eine Person,
einen Ort, ein Ereignis oder eine Zeit Leid erfahren wird/hat, - solange wird der
Mensch an dieses Leid oder diese Person gebunden sein! Und zwar solange,
bis der Vorgang eines Tages aufgegeben wird.

Ein Lösung in Sicht? Ja, - die Loslösung!

Das bedeutet: Mit dem Vertrauen und Glauben an sich selbst,
löst man sich von mentalen Einstellungen der Beschuldigung, - von Zeiten,
Menschen, Orten und Ereignissen. Dieser Vorgang birgt eine gewaltige persönliche
Macht (Selbstermächtigung) in sich und schafft einen „Raum der Zukunft“,
wo die eigene Kreativität gelebt werden kann.

 

Das heißt nicht, dass man nicht über sich selbst oder evtl. Vorwürfe und
Vorkommnisse reflektieren kann und sollte. Doch dies geschieht nach bestem Wissen
und Gewissen, in einer objektiven Innenschau. Wenn dann zu erkennen ist, dass es sich
um ungerechtfertigte „Anschuldigungen“ handelt, ist der Weg für eine Klarstellung frei.
Doch dabei sollte es bleiben. Denn Jemand, der eine vorgefasste Meinung hat,
wird sich wahrscheinlich nicht durch Erklärungen davon abbringen lassen.

Also ist es sinnvoller eigene Wege zu gehen und somit die Ver-gangen-heit
das sein zu lassen, was sie ist: ge–gangen! „Ketten“ sind damit abgeworfen
und der Weg der Zukunft etwas mehr geebnet!

Deswegen wünsche ich viel Glaube und Vertrauen
in die eigene, schöpferische Individualität!


Lichtvolles Sein
 

SYNAN



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